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Der Bundestag hat am  Donnerstag, 31. Januar 2019, im Rahmen einer Gedenkstunde der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Anlass ist der 74. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Nach einer Begrüßungsansprache von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble hielt der international renommierte israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Prof. Dr. Dres. h. c. mult. Saul Friedländer die Gedenkrede.

Saul Friedländer wurde 1932 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren. Nach der deutschen Besetzung Prags im März 1939 emigrierte die Familie nach Frankreich. Während der Junge im Versteck überlebte, wurden seine Eltern verhaftet und noch 1942 in Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg wanderte Friedländer nach Palästina aus, nahm 1948 am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil, studierte von 1950 bis 1953 an der School of Law and Economics in Tel Aviv und erwarb 1955 am Institut d’Études Politiques in Paris das Diplôme de Sciences Politiques. 1963 promovierte er in Genf in Politikwissenschaft und wirkte u.a. am Genfer Institut für Internationale Studien, an der Universität Tel Aviv sowie an der University of California in Los Angeles.

In seiner Gedenkrede betonte Friedländer, er sehe den Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und einen sich immer weiter verschärfenden Nationalismus überall auf der Welt „in besorgniserregender Weise“ auf dem Vormarsch. Sowohl vor der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn im Oktober 2007 als auch nach der Bitte, vor dem Bundestag zu sprechen, habe er zunächst gezögert und dann zugesagt: „Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe.“ Dank seiner langjährigen Wandlung seit dem Krieg sei Deutschland eines der starken Bollwerke gegen die genannten Gefahren geworden. Friedländer verband sein Kompliment mit einem Appell: „Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen.“

Bundestagspräsident Schäuble würdigte Friedländer mit den Worten, dessen Werk gewinne seine besondere Kraft aus der spannungsvollen Beziehung zwischen der abstrakten statistischen Darstellung der Verwaltungs- und Mordmaßnahmen und den lebendigen Erinnerungen der Zeitzeugen. Friedländer spreche von der sowohl universellen Bedeutung als auch historischen Besonderheit des Holocausts.

Schäuble: „Gerade für uns Deutsche gilt: Diese Geschichte ist nicht loszulösen von ihrem historischen Ort, von den Fakten, von den Opfern, vom Land der Täter, von den Bedingungen, die den Mord an den europäischen Juden ermöglichten – zumal schon heute bei jungen Menschen das Wissen darüber schwindet.“

Umrahmt wurde die Gedenkstunde mit Musik des tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff (1894-1942) und des österreichischen Komponisten Viktor Ullmann (1898-1944). Beide Komponisten kamen während der Zeit des zweiten Weltkriegs in deutschen Lagern ums Leben.

Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus findet seit 1996 jährlich statt. Die Gedenkrede im vergangenen Jahr hatte die Holocaust-Überlebende Dr. h. c. Anita Lasker-Wallfisch MBE (Member oft he Order of the British Empire) gehalten.

Fotos obere Reihe: Bilder der Ausstellung "Einige waren Nachbarn" im Paul-Löbe-Haus des Bundestages; 

Fotos untere Reihe: Bilder der Gedenkstunde im Plenum des Deutschen Bundestages; © DBT/Melde