Gedenken, Verantwortung und der Auftrag für die Gegenwart. Mit einer eindringlichen Rede hat die Holocaustüberlebende Tova Friedman den Deutschen Bundestag anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar tief bewegt. Die heute 87-Jährige rief die Abgeordneten dazu auf, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten und warnte eindringlich davor, Hass durch Schweigen zu dulden. „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität – sie bedeutet Zustimmung“, mahnte Friedman im Plenarsaal.
Friedman, 1938 nahe Danzig geboren, überlebte als Kind das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeuginnen der Shoah. Gemeinsam mit ihrem Enkel erreicht sie heute über soziale Medien Hunderttausende junge Menschen, um über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären und Erinnerung lebendig zu halten. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner würdigte dieses Engagement als „ein Geschenk“ und hob hervor, wie wichtig es sei, gerade jungen Generationen zuzuhören und mit ihnen im Gespräch zu bleiben.
In bewegenden Worten schilderte Friedman ihre Kindheitserfahrungen von Verfolgung, Deportation und Überleben. Sie sprach über den Rat ihrer Mutter, niemals zu weinen, um nicht als schwach zu gelten – und über das Überleben in einer Welt, die Kinder systematisch entmenschlichte. Besonders eindringlich warnte sie vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus, der sich heute häufig hinter vermeintlich neuer Sprache verberge und sich rasant über soziale Medien verbreite. Jüdinnen und Juden fühlten sich weltweit wieder bedroht – auch in Europa und in Deutschland.
Bundestagspräsidentin Klöckner unterstrich in ihrer Ansprache die besondere historische Verantwortung Deutschlands. Wer in Deutschland lebe, müsse sich dieser Geschichte stellen. Antisemitismus dürfe keinen Platz haben – weder auf der Straße noch in Schulen, Universitäten, Betrieben oder im digitalen Raum. Erinnerung sei kein Selbstzweck, sondern Grundlage für Haltung und Handeln.
Begleitet wurde die Gedenkstunde von Musik verfolgter Komponisten, deren Werke eindrucksvoll an zerstörte Biografien erinnerten. Ergänzend zur Gedenkstunde ist seit dem 28. Januar 2026 die Ausstellung „An eine Zukunft glauben“ im Paul-Löbe-Haus zu sehen. Sie beleuchtet jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945 und würdigt Frauen und Männer, die trotz Verfolgung an einen demokratischen Neubeginn in Deutschland glaubten und Verantwortung übernahmen.
Die Gedenkstunde und die Ausstellung machen deutlich: Erinnerung verpflichtet. Der Kampf gegen Antisemitismus, für Demokratie und Menschenwürde bleibt eine dauerhafte Aufgabe – für Politik, Gesellschaft und jede einzelne Generation.
Fotos: DBT – Thomas Trotschel